Der Grabbe-Förderpreis

Die Grabbe-Gesellschaft Detmold und das Landestheater Detmold freuen sich, den seit vielen Jahren existierenden Grabbe-Preis auch 2022 wieder ausloben und vergeben zu können. Zusätzlich wird ein Förderpreis vergeben, über den auf dieser Seite berichtet wird.

Informieren Sie sich hier über die Möglichkeiten und Bedingungen.

Drei Autorinnen für Förderpreis nominiert

Für den erstmals ausgeschriebenen Förderpreis sind die Texte dreier Autorinnen nominiert: „Karla sagt“ von Johanna Kaptein, Henriette Seiers „Drama für den Kopf. Ein Klamauk“ sowie „Schwarz Rot Golden“ von Hannah Zufall stehen zur Publikums-Wahl. Aus den drei ausgewählten Stücken werden Fragmente von jeweils ca. zehn Minuten digital produziert und im Frühsommer auf der Webseite des Landestheaters Detmold präsentiert. Das Onlinevotum zum Förderpreis wird anschließend unter www.grabbe-foerderpreis.de ermittelt. Dem Gewinnertext winkt ein Preisgeld von 5.000 €. „Die drei Texte unterscheiden sich gattungsmäßig und thematisch stark“, erläutert Dr. Peter Schütze, Präsident der Grabbe-Gesellschaft: „Ein monologisch und chorisch angelegtes Drama über Orientierungen und Perspektiven unter Lockdown-Bedingungen, ein auf kurze Dialogwechsel zugespitztes Konversationsstück über Freundschaft und Zerwürfnis dreier sehr unterschiedlicher Frauen und schließlich eine mit viel Kenntnis und Witz verfasste Satire über Theater und Publikum. Ich bin gespannt, für welchen Text die Zuschauer sich entscheiden.“

Die Jury bestand aus Intendant Georg Heckel, der leitenden Schauspieldramaturgin Sophia Lungwitz, Dr. Peter Schütze, Präsident der Grabbe-Gesellschaft, sowie Harald Müller vom Verlag Theater der Zeit.

Die Autoren und ihre Texte

Hauptpreis

Amir Gudarzi: Quälbarer Leib. Ein Körpergesang.
„Der Titel von Amir Gudarzis Stück „Quälbarer Leib – Ein Körpergesang“ ist Programm“, sagt Linda Vogt, Programmleiterin Literatur, bei dtv in ihrem Empfehlungsschreiben für den Hauptpreis des Christian-Dietrich-Grabbe-Preises 2022.

Amir Gudarzi „erzählt von einer Minensucherin, die in Afghanistan einen Kollegen verliert und in Tadschikistan neue Kolleginnen rekrutieren soll; von roten, schwarzen und weißen Flüssen als Metaphern für sowjetische, islamistische und westliche Mächte in Afghanistan; von Odysseus und Dädalus; von Mauern und Selbstmordanschlägen; von patriarchal sanktionierten Körpern und dem eigenen traumatisierten Leib des Erzählers.

Neben thematischen Motiven – wie Krieg und Gewalt, Patriarchat und Ideologie, Verhältnis von Westen und Nahem Osten – zieht sich das Verhältnis von subjektivem Leib und objektivem Körper als roter Faden durch das Stück: Gesellschaftliche Kräfte wenden Gewalt gegen die Körper einzelner Individuen und Gruppen an, um ihr eigenes Herrschaftssystem zu stärken. Aber in diesem Stück erhebt sich das Individuum und verteidigt lautstark seine Freiheit: Der Leib mag traumatisiert worden sein, aber er hat überlebt, spricht und klagt an.“

Amir Gudarzi
Amir Gudarzi, 1986 in Teheran geboren, lebt seit 2009 im Exil in Wien und erhielt für sein literarisches Schaffen zahlreiche Stipendien und Preise. Für „Wonderwomb“ wurde er mit dem Kleist-Förderpreis für deutschsprachige Dramatikerinnen und Dramatiker 2022 ausgezeichnet, erhielt eine „spezielle Erwähnung“ durch die Jury der Autorentheatertage und war nominiert für den Retzhofer Dramapreis 2021. Mit „Die Burg der Assassinen“ war er 2019 zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens eingeladen. Amir Gudarzi arbeitete u. a. mit dem Royal Court Theatre in London zusammen und erhielt Stipendien vom österreichischen Bundeskanzleramt und dem Literarischen Colloquium Berlin. Ab Dezember 2022 ist ein neues Stück mit dem Titel „Am Anfang war die Waffe“ am WERK X in Wien zu sehen, zudem entsteht ein Projekt im Rahmen des Österreich-Schwerpunktes der Leipziger Buchmesse. Im Frühjahr 2023 erscheint sein Debütroman „Das Ende ist nah“ bei dtv.

Förderpreis

Johanna Kaptein: Karla sagt
Deutschland im Lockdown: Die Cellistin Karla hat zwar ein Kind, dafür aber keine Anstellung in einem Orchester – beides zusammen ließe sich ohnehin kaum vereinbaren. Immobilienmaklerin Claudia kann ihre Arbeit kaum bewältigen, dafür sehnt sie sich nach einem Kind. Komponist August verdingt sich tagsüber als Mitarbeiter einer Security-Firma. Die stupide Arbeit sichert sein Überleben, raubt ihm jedoch die Kräfte, die er für seine Berufung als Musiker benötigen würde. Ein namenloser Reicher hingegen besitzt vieles, mit dem er nichts anzufangen weiß und ringt mit der Herausforderung, schlank zu bleiben. ‒ Mit „Karla sagt“ hat Johanna Kaptein einen leisen, aber eindrücklichen Text vorgelegt. Darin gewährt sie Einblicke in die Innensichten verschiedener Individuen, die pandemiebedingt zur Isolation verdammt sind und über sich selbst und die Systemrelevanz der Kunst reflektieren.

Johanna Kaptein
Johanna Kaptein, 1974 in Hamburg geboren, verfasst Dramatik, Hörspiele und Prosa. Auf das Studium des Szenisches Schreibens an der Universität der Künste Berlin folgten Einladungen an das Royal Court Theatre in London, das Burgtheater Wien und das Badische Staatstheater in Karlsruhe. Sie erhielt das Thomas-Bernhard-Stipendium des Landestheaters Linz und den Leonhard-Frank-Preis des Würzburger Mainfranken Theaters und der Leonhard-Frank-Gesellschaft.

Henriette Seier: Drama für den Kopf. Ein Klamauk
In Henriette Seiers postdramatischem Stück „Drama für den Kopf. Ein Klamauk“ hält sich die Institution Theater selbst einen Spiegel vor: Ein einsamer, selbstherrlicher Regisseur wird Opfer von Regieanweisungen, die ihn zwingen, als Schnecke die Wände hochzukriechen und sein Geschlecht zu wechseln. Eine Schauspielerin ist nichts ohne die in Persona auftretende Stimmung. Ulrike hat sich einen Werbeblock erkauft, in dem sie ihrem Frust über den Prozess der deutsch-deutschen Annäherung Ausdruck verleiht. Zur Belustigung des Publikums bedient sie sich eines ostdeutschen Dialekts, der sich jedoch schnell als Mittel zum Zweck erweist. Ein vielseitig einsetzbarer Chor wandelt sich vom Chor der Besonderen und Beliebten zum Chor der grauen Mäuse und Mauerblümchen und schließlich dem der „Pappenheimer“. – Henriette Seierst Text schwingt geradezu lässig hin und her zwischen Spiel und Ernst, Verhandlung und Unterhaltung, Beobachtung und Vision.

Henriette Seier
Henriette Seier 1993 in Rostock geboren, sammelte bereits mit 13 Jahren im Theaterjugendclub des Volkstheaters Rostock ihre ersten Theatererfahrungen, wo sie sich auch am Verfassen einzelner Bühnentexte übte. Zunächst studierte sie Religionswissenschaft an der Universität Leipzig und hospitierte am Schauspiel Leipzig, wo sie von 2015 bis 2017 u. a. auch als Gastschauspielerin engagiert war. Später wechselte sie zur Theaterwissenschaft und vertiefte in dieser Zeit ihre Schreibpraxis. Hierfür belegte Henriette Seier ein einjähriges Seminar zum Kreativen Schreiben am Deutschen Literaturinstitut. Auch in dieser Zeit beteiligte sie sich an verschiedenen freien Theaterprojekten, hauptsächlich an den Cammerspielen. Nach ihrem Bachelorabschluss 2019 begann sie das Masterstudium der Angewandten Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Hier belegte sie abermals diverse Schreibseminare und begann die Arbeit an dem Theatertext: „Drama für den Kopf. (Ein Klamauk.)“. Ab Oktober 2022 wird Henriette Seier eine Stelle als Regieassistentin am Hessischen Landestheater Marburg beginnen.

Hannah Zufall: Schwarz Rot Golden
Wer Miete zahlen muss, kann sich keine Sozialromantik leisten! Haifa, deren Wurzeln in Damaskus liegen, die aus Breslau stammende Marlena und die Deutsche Laura – drei junge Heldinnen zwischen zwanzig und dreißig, die ihren biographischen Background nur teilweise hinter sich gelassen haben, meistern ihren Alltag in einer deutschen Großstadt mit allem, was dazu gehört: Jobsuche, Katastrophen im Hier und Jetzt, in der Familie in einem weit entfernten Zuhause, Kämpfe mit Männern, Freiern und Vermietern, ungewollte Schwangerschaften. Gemeinsam die Badewanne oder den Inhalt der Kulturbeutel teilend, begegnen sie dem Leben souverän und unprätentiös, reiben sich an zugewiesenen Rollenbildern und einer immer wieder moralisierenden Gegenwart. Dabei kommen sie einander näher und treiben wieder auseinander, den Traum vom eigenen Lebensentwurf mal mehr, mal weniger scharf vor Augen.

Hannah Zufall
Hannah Zufall studierte Szenische Künste in Hildesheim und arbeitet als freie Autorin für Theater, Oper und Film. Sie erhielt mehrere Stipendien und Auszeichnungen für ihre Texte, zuletzt wurde sie bei dem Deutschen Preis für Nature Writing 2022 gewürdigt. Ihre Stücke werden u. a. am Deutschen Theater Göttingen, Landestheater Schwaben, Zimmertheater Tübingen, Schauspielhaus Graz, an der Kammerphilharmonie Bremen sowie an der Oper Leipzig gespielt. 2021 hat sie an der Fernsehserie „Warten auf’n Bus“ des RBB mitgeschrieben.

Der mit 15.000 € dotierte Christian-Dietrich-Grabbe-Preis 2022 geht an Amir Gudarzi für sein Stück „Quälbarer Leib – ein Körpergesang“. Mehr …